Zeitungsberichte

Deutsche demokratische Presse in der Zeit der nationalsozialistischen Gefahr

Die Situation der antifaschistischen Deutschen in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg dokumentieren auch Artikel der deutschen demokratischen Presse. Wir bringen einige Beispiele, die vor allem die Schicksale derjenigen Deutschen zeigen, die vor den Nationalsozialisten ins Inland flüchten mussten.

 

DSAP 1938 III - Jägerndorf 1.5.1938 Kampf, Widerstand, Verfolgung S.202

DSAP 1938 III – Jägerndorf 1.5.1938 Kampf, Widerstand, Verfolgung S.202

 

Nordböhmischer Volksbote 18. September 1938

Im Flüchtlingslager von Wysotschan

68ß Menschen, die vor dem Tod geflohen sind, vor den Misshandlungen, den Drohungen. 680 Menschen, die von den Horden der Putschisten gezwungen worden waren, ihr Hab und Gut, ihr Vieh und ihre Wohnung zu verlassen, 680 Menschen – mehr als ein halbes Tausend und doch nur ein ganz kleiner Teil der Grenzlandflüchtlinge – leben seit ein oder zwei Tagen, manche seit ein paar Stunden, im Nachtasyl des Roten Kreuzes in Wysotschan. Das Nachtasyl hat nichts gemein mit jenem, von dem Gorki schrieb. Es ist ein großes, helles Haus mit großen, hellen und ganz besonders sauberen Zimmern. Eines neben dem anderen. Und eins neben dem andern stehen die Betten mit weißen Überzügen, warmen Decken. Da wohnen jene, die aus Graslitz kamen, dort die aus Bärringen, hier die aus Eger, aus Markhausen, aus Asch, aus Karlsbad. Die Nachbarn wohnen bei den Nachbarn, man könnte beinah sagen: in Dorfgemeinschaften. Und jedes Dorf hat einen Delegierten ausgewählt, der seine Leute im sogenannten „Rat“ und bei Verhandlungen mit den Behörden vertritt. Klagen hat dieser Delegierte nicht zu führen. Aber von Zeit zu Zeit bitten die Flüchtlinge ihn herzlich: „Sag unsern heißen, aufrichtigen Dank! Denn was uns hier getan wird, wie uns hier in jeder Art geholfen wird, grenzt ans unfasslich Wunderbare. Das höchste Zeichen der menschlichen, überparteilichen und übernationalen Solidarität!“

Und dann erzählen sie, die Frauen und die Kinder und die einzelnen Männer, die sich nicht draußen halten konnten. Und die kaum ruhig gewordenen Gesichter werden erregt und lebhaft:

            Ich bin aus Haslau bei Asch. Schon Montag wussten wir, dass die FS und anderen Henleinisten einen Putsch planen. Am Dienstag früh haben sie Hakenkreuzfahnen aufgezogen und krawalliert und uns bedroht –„

            „Ich“ – wird die Frau von einem Manne unterbrochen, „bin eben erst hierhergekommen. Ich war Mittwoch abends auf dem Bahnhof in Eger. Zwischen dreiviertel sieben Uhr und acht ist es zu dem Feuergefecht beim Hotel Welzl gekommen. Der Bahnhof, wir waren dort ungefähr 400 Personen, die auf den Abtransport gewartet haben, wurde verdunkelt. Aber die Kugeln aus den Maschinengewehren der Nazi flogen oft durch die Bahnhofshalle. Auf der Straße lagen bereits sechs Tote; ein tschechischer Gendarm, ein Bahnhofsbeamter, eine Frau und noch drei Zivilisten. Panzerautos und Tanks haben die Ruhe dann endlich hergestellt. Und uns sozialistische Flüchtlinge hat die Gendarmerie geschützt. Wir konnten endlich abreisen. Die ČSD hat uns umsonst befördert. Und schon am Dienstag um Mitternacht wurde ein Sonderzug für Flüchtlinge bereitgestellt.“

            „In Schloppenhof, das ist ganz nahe bei der Grenze“ erzählt ein Mann in Uniform, „waren wir vier Sozialdemokraten und zirka 52 Henleinisten. Man hat uns schon immer mit dem Tod gedroht und uns die Bäume gezeigt, an denen man uns aufhängt, wenn „der Tag kommt“. Trotzdem haben wir hier Bereitschaftsdienst geleistet. Am Dienstag, als in Eger die Krawalle begannen, stellte die Fabrik, die dem reichsdeutschen Ing. Sommer gehört, die Arbeit ein. Ich hatte den Auftrag, zu beobachten, was in der Nähe der Fabrik geschieht, wurde aber entdeckt, umringt, bedroht. „Schlagt ihn tot, den Hund, macht ihn nieder!“ wurde gerufen. Ich stand mit erhobener Faust. Da kamen zwei FS-Ordner, Pöperl und Börsch, und jagten mich über das steinige Terrain: „Jetzt musst du Schuft endlich verrecken!“ Ich hatte aber einen Vorsprung und weder die Ordner noch die Steine, die sie hinter mir her warfen, erreichten mich. Am Bahndamm fand ich Polizisten, die mich beschützten. Unter Polizei- und Militärbedeckung ging ich nach Haus, um meinen Sohn und meine Frau zu holen. Die Frau ist schon seit 16 Wochen krank. Vom Bett weg musste sie fliehen. Aber ich gehe morgen oder übermorgen zurück und werde, wenn es sein muss, kämpfen. Ich bin Gemeindevertreter, Parteifunktionär und Mitglied der RW.“

            „Und was ich noch vergessen habe“ – fügt er hinzu, „wie Militär erschienen ist, hat der Fabriksbesitzer Sommer, der auch der Kommandant der Feuerwehr ist, Feuerwehrmänner alarmiert und mit Hakenkreuzbinden zur Übernahme des Bahnhofsdienstes geschickt.“

            „In Graslitz und in Eger waren die meisten Häuser, sogar die staatliche Schule mit Hakenkreuzfahnen beflaggt. In Eger haben sie das Straßenschild „Masarykplatz“ durchgestrichen und ein Plakat daneben geklebt mit der Aufschrift ,Adolf-Hitler-Platz‘“

            „Sie haben die Staatswappen heruntergerissen und zertrampelt.“

            In Markhausen und in der ganzen Gegend sind mit braunen und schwarzen richtigen SA- und SS-Uniformen herumgelaufen, die ganzen Straßen waren voll von ihnen. Mein Mann ist Postbeamter, Tscheche, Sozialdemokrat. Auf ihn und mich haben sie’s ganz besonders scharf. Auf Schleichwegen bin ich mit meinem Sohn nach Graslitz entkommen. Dort haben wir auf Brettern im Volkshaus übernachtet. Wir haben gar kein Geld und keinen Ausweis gehabt und wie ich den Bezirkshauptmann um Hilfe gebeten habe, hat er sie mir verweigert.“

            „Ein Genosse aus Abertham wollte am Dienstag nachts um drei nach Hause gehen. 25 bis 30 Leute haben ihn überfallen, geprügelt und angeschossen. Ein Nazi-Arzt hat ihn erst selbst geschlagen, dann verbunden und mit in die Kanzlei der SdP geschleppt. Obwohl er schwer verwundet war, sprang er in einem unbewachten Augenblick aus einem Fenster vom zweiten Stock herab. Soldaten fingen ihn auf. So wurde er gerettet.“

            Brennend sind die Augen, zitternd die Stimmen der Genossen. Und immer neue Flüchtlinge drängen sich zu der Gruppe, immer neue Berichte geben sie. Dann kommt der Delegierte und ruft sie auf: „Zum Essen holen!“

            Rindssuppe gibt es, Reis und Gulasch. Hervorragend bereitet in unwahrscheinlich großen Kesseln. Die Portionen sind überreich. Und wer trotzdem zu wenig hat, erhält so viel als er sich wünscht.

            „Wenn man das eine und das andere sieht, der Kampf dort draußen und die Wohltat hier – muss man sich da nicht schämen für das, was uns den Deutschen geschah?“ fragt ein Genosse.

            Nach Tisch werden einige Briefe kollektiv gelesen. „Markhausen ist fast leer. Auch Graslitz. In Schwaderbach brüllen die Tiere in den Ställen vor Hunger. Aber wir, die wir hier draußen sind, wir harren aus. Seid ohne Sorge. Wir sind jetzt die Soldaten der Republik und werden unerschütterlich und treu unsere Pflicht erfüllen – bis zum Tod!“

 

NVB 16.9.38 218 4 sudetendeutsche MKCP

NVB 16.9.38 218 4 sudetendeutsche MKCP

 

Doreen Warriner, Die tapferen Frauen von Prag, Sudeten-Jahrbuch 1969.

Im jährlich erscheinenden Sudeten-Jahrbuch erinnert sich Doreen Warriner an die Ereignisse in Prag im März 1939 und an das Schicksal deutscher sozialdemokratischer Familien, die vor und nach dem Münchener Abkommen nach Prag flohen, wo viele von ihnen auf dem Masaryk-Bahnhof lebten. Warriner arbeitete für die britische Botschaft und half politischen Flüchtlingen vor dem Nationalsozialismus bis zum April 1939. 

Auszüge: 

 Zwischen Neujahr und 15. März 1939 lebten die sudetendeutschen Flüchtlinge in und um Prag wie auf einer Eisscholle. Jeden Moment konnte der Boden unter ihren Füßen zerbrechen. Die rettenden Visa waren lange unterwegs. Von Anfang Feber bis Anfang März konnten wenigstens die meisten gefährdeten Männer ins Ausland gebracht werden. Aber Hunderte von Frauen und Kinder blieben Ungewissheit und Gefahr zurück. …

In den frühen Morgenstunden des 16. März kamen zwei erschöpfte Frauen vom Bahnhof zur Britischen Legation, drängten sich durch die Menge im Hof und kamen in mein Zimmer. … Ich ging mit ihnen zum Masarykbahnhof. Und hier, zusammengepfercht in einem Wartesaal 3. Klasse, bereits einen Tag und eine Nacht ohne Nahrung, fandi ch ungefähr dreißig Frauen und fünfzig Kinder vor, ermattet von Hunger und Schlaflosigkeit und der schrecklichen Sorge: was nun, wohin?…

So sandte ich Margaret Dougan in einem Taxi nach Chuchle, einem Dorfe an der Moldau, durch das ich auf Ausflügen gekommen war. Dort gab es kleine Ferien-Hotels und wir hofften, dort Platz zu finden. …

Als wir plötzlich in einem kleinen ruhigen Platz einbogen, sah ich sieben Taxis vor mir und kurzentschlossen, ohne mir wegen der Geldausgabe Gedanken zu machen, brachte ich unsere ganze Gesellschaft in die Autos unter und wir waren schnell in Chuchle…

Gerade als ich im Begriff war wegzufahren und innerlich beruhigt, dass ich diese Frauen nun in einer Bleibe wusste, sagte man mir, dass noch mehr Frauen auf dem Wilsonbahnhof wären. Ich glaubte, nicht recht zu hören, machte mich aber sofort auf und fuhr zum Wilsonbahnhof zurück. Und tatsächlich, hier fand ich eine andere unglückselige Gruppe von dreißig Frauen vor, noch hungriger, noch erschöpfter als die anderen. Was sollte ich tun, wohin sie bringen? …

Nach langem Suchen fand ich ein kleines schäbiges Hotel in Žižkov, mit sieben Zimmern unterm Dache, dunklen Löchern, die nur ganz wenig erleuchtet waren. …

Ich hatte einhundertsiebzig Frauen und Kinder zu betreuen, die in sechs Hotels untergebracht waren: drei Gruppen in Chuchle, zwei in Prag und eine in dem kleinen Hotel „Stern“ in Břevnov“.

Alles schien gut zu gehen. Die ungefähr siebzig Frauen waren im Zug untergebracht und Miss Dougan war ihre Begleiterin. Der Zug sollte jede Minute abfahren, ich verabschiedete mich und ging dem Ausgang des Wilson-Bahnhofes zu. Als ich an die Barriere kam, drängte sich eine Anzahl Männer durch. Ich kehrte auf den Bahnsteig zurück und fand Gestapo den Zug durchsuchend.

Endlich, am 12. April, nach beinahe vier Wochen langem Warten, gab der Chef der Gestapo, benannt als „Kriminal-Rat“, die Bedingung bekannt, unter welcher er bereit war, den sozialistischen Frauen Ausreise Papiere zu geben. Er verlangte die Namen und Adressen der Frauen. …

Am Freitag erhielt Mister Stopford endlich die Resiepässe ausgehändigt. Aber nur dei Hälfte der Frauen bekam ihre Pässe zurück, die andere Hälfte war verloren gegangen. Zu gleicher Zeitwurde uns die Ausreise-Erlabnis für alle Frauen und die Bewilligung von England für die Ausstellung von Reise-Dokumenten erteilt. Alles atmete auf. …

Achtzig Frauen konnten sofort reisen, über einhundertzwanzig würden am anderen oder übernächsten Tag fahren können. …

Endlich, nach vieler Arbeit und Organisierung der Reise, ging ich zum Bahnhof. Im Warteraum, wo schon so viele Transporte abgefertigt worden waren, saßen achtzig Frauen in tiefem Schweigen. …

Der Elf-Uhr-Zug nach Mährisch-Ostrau wartete: die Frauen holten ihre Federbetten zurück, die sechs Wochen in der Gepäckaufbewahrung gewesen waren, schleppten sie in den Zug und ohne weitere Hindernisse rollte dieser aus dem Bahnhof. Um fünf Uhr früh, nach einer schlaflosen Nacht, fuhr der Zug über die polnische Grenze. …

Und am 1. Mai kamen alle Frauen in London an, die erste Gruppe mit dem kleinen Schiff „Baltrover“ von Gdingen, und die andere quer durch Deutschland. Nach bangen Wochen und Monaten waren sei endlich mit ihren Männern wieder vereint.

 

DSAP 1938 II Bodenbach 1.5.1938 Kampf, Widerstand, Verfolgung S.202 upr

DSAP 1938 II Bodenbach 1.5.1938 Kampf, Widerstand, Verfolgung S.202

 

 

Nordböhmischer Volksbote 17.9.1938

Bei den Flüchtlingen in Prag

Auf dem Masaryk-Stadion

Als schon alle verfügbaren Quartiere besetzt waren und immer noch Hunderte von Flüchtlingen mit Sack und Pack auf den Stufen des Bahnhofsgebäudes saßen, immer neue Züge, immer neue Ankömmlinge brachten, ist man daran gegangen, in den Garderoben des Masaryk-Stadions Massenquartiere aufzuschlagen.

            So wälzte sich in den Abendstunden des Mittwoch ein trauriger Zug von der Haltestelle der Straßenbahn hinauf zum Stadion gegen einen eiskalten Wind: Frauen mit einem Kind auf dem Arm, einigen anderen am Rockzipfel, Männer mit schweren Lasten, die Alte und Kranke führten. Immer neue Scharen kamen. Und alle waren ruhig, ernst und besonnen, verhärmt. Das war der Einzug ins neue Heim.

            Schwestern vom Roten Kreuz, Beamte der Stadt, freiwillige Helfer standen zu ihrem Empfang bereit. Nichts war vorher besprochen oder organisiert, aber alles klappte wie am Schnürchen. Jeder half da, wo es nötig war, und bald war jeder an seinem Platz untergebracht. Dann kamen Strohsäcke und Decken zur Verteilung und äußerlich war alles in Ordnung. Zwischendurch galt es noch Kranke zu Ärzten zu führen, schreiende Kinder zu beruhigen, verzweifelte Frauen zu trösten. Auch das ist gelungen und die erste Nacht war schließlich doch schon für fast alle eine Erlösung.

            Zunächst sind alle diese Menschen noch betäubt von dem Unglück, das sie betroffen hat. Besonders die Leute aus dem Egerer Gebiet erzählen immer wieder, wie man sie einfach aus der Arbeitsstätte jagte, weil sie Anhänger ihrer politischen Gegenpartei erklärt haben, dass sie nicht mehr mit den Roten arbeiten. „Denken Sie nur: Deutsche gegen Deutsche“, das sagen sie alle, immer wieder, in jeder Gruppe. „Sie haben Spottlieder auf uns gesungen, als wir wandern mussten, von denen noch das mildeste war: „Muss i denn zum Städtele hinaus“. Die Deutschen haben uns aus unserer Heimat vertrieben, uns unsere Arbeit genommen.“ Das ist ihnen am unbegreiflichsten, liegt wie ein schwerer Alb auf allen.

            Eine Mutter ist dabei mit einem Kind von vierzehn Tagen, eine andere hat ein sechswöchiges Kindchen bei sich und dann gibt es Kinder in allen Altersklassen. Diese Kinder wissen nicht, was mit ihnen geschehen ist, sie spielen miteinander, lassen sich das Essen schmecken, was ihnen geschenkt wird und sind guter Dinge. Nur ein scheuer Blick wird dann und wann auf die Erwachsenen geworfen, die so besonders ernst umherblicken, ihnen so wenig verbieten.

            Ich spreche mit den Frauen. Sie sind grenzenlos dankbar, wenn man ein gutes Wort an sie richtet, geben bereitwillig auf alles Antwort. Spricht man ein liebes Wort zu ihren Kindern, gibt man denen gar ein Stückchen Schokolade, so verzieht ein glückliches Lächeln ihr abgehärmtes Gesicht. Alle wollen wissen, was in der Welt los ist, und alle fragen immer wieder: „Muss es denn Krieg geben? Soll unsere schöne Heimat auch noch verwüstet werden? Wir wollen keinen Krieg.“

            Allen ist das Weinen näher als das Lachen. Aber sie sind unendlich tapfer. In ernsten Gesprächen stehen sie auf ihren Plätzen vor den Strohsäcken. Wenn einer jungen Frau einmal die Tränen kommen, dann trösten sie die anderen sofort, stehen ihr zur Seite. Alle sind wie eine einzige große Familie.

            Die rührende Dankbarkeit dieser gehetzten und geplagten Leute zeigt sich an kleinen Beispielen.

            Sie bemühen sich krampfhaft tschechisch zu sprechen, antworten sogar auf deutsche Fragen tschechisch. So weit sie es nur irgend können. Selbst die Kinder eifern ihnen hierin nach. Ich habe mich eine zeitlang mit einer Gruppe wilder Rangen beschäftigt, damit die Eltern sich in Ruhe um Schlafsäcke und ihre Habseligkeiten bekümmern können. Als ich meine Schützlinge wieder aufteilen will, erhebt sich in ihren Reihen ein Tuscheln und ein Bub wird vorgeschoben, dreht verlegen die Mütze, sagt aber nichts. Da ruft ein keckes Mädelstimmchen aus der Mitte der Gruppe: „Mit dem Buben da vorn können Sie tschechisch sprechen, er übersetzt es uns.“ Aber niemand war mehr erleichtert als der kleine Dolmetscher, als ich auf seine Dienste verzichtete.

            Draußen gibt es keine Sprachunterschiede: Draußen gibt es nur guten Willen und in die Tat umgesetzte Menschenliebe. Der tschechische Arbeiter, der die auf Lastautos von den Bahnhöfen kommenden Gepäckstücke auslädt, hat für jeden ein Scherzwort und zaubert trotz seiner derben Art manch‘ schönes Lächeln auf die verhärmten Gesichter. Die Schwestern greifen zu, wo man sie braucht, ihnen ist keine Arbeit zu viel und wo ihre Sprache versagt, schafft die Tat ihnen Zutrauen und Dankbarkeit.

            Ich bin von Gruppe zu Gruppe gegangen und habe alle nach besonderen Wünschen gefragt, vor allem auch nach dem Gesundheitszustand und besonders notwendigen Dingen. Niemand hat auch nur den kleinsten Wunsch für sich geäußert. Einzig und allein die Mütter kleiner Kinder haben gefragt, ob sie abends Milch für die Kleinen bekommen können. Zu einer Frau sage ich dabei: „Ja, und Sie bekommen auch zu essen. Sie sehen aus, als ob sie es bitter notwendig hätten.“ „Ich habe auch zwei Tage nicht gegessen“, war die ruhige Antwort. „Ich habe nur Sorge um die Kinder.“

            Die Mütter mit den Säuglingen empfinden es am schwersten, dass sie die Kleinen nicht richtig pflegen können, sie nicht so sauber halten, wie sie es gewöhnt sind und ein Kind es braucht. Immer und immer wieder stellen sie die bange Frage: „Wird es dem Kleinen auch wirklich nicht schaden?“

            Alle, die auf dem Stadion untergekommen sind, kennen das Leben nur von der schwersten und härtesten Seite. Leben war für sie immer noch gleichbedeutend mit: kämpfen und entbehren. Jetzt sind sie außerdem noch heimatlos. Aber doch haben sie den Glauben an die Menschen, an Freiheit und Gerechtigkeit nicht verloren. Für ihn leiden sie jetzt en Märtyrerschicksal: still und klaglos tragen sie auch dieses Los.

            Wenn sie aber einen Wunsch äußern, so ist es der: Seid auch ihr standhaft“ Dient auch Ihr der guten Sache mit all‘ euren Kräften! Kämpft auch ihr weiter, bis der Mensch wirklich frei geworden ist!

 

DSAP 1938 II - Teplitz-Schönau 1.5.1938 Kampf, Widerstand, Verfolgung S.202 upr

DSAP 1938 II – Teplitz-Schönau 1.5.1938 Kampf, Widerstand, Verfolgung S.202

 

Brücke 15.7.1994

Der Marsch nach Přitočno

Unterwegs hielt der Omnibus auf einer einsamen Landstraße bei Kladno erneut an. Der Stopp galt der Erinnerung an den Herbst 1938, als Deutsche vor Deutschen flüchteten. Einer der beiden Flüchtlingszüge aus Neudek bei Karlsbad endete damals am Bahnhof Kladno. Von dort aus mussten die Neudeker Flüchtlinge jene Straße entlang nach Přitočno laufen, mit ihrem Gepäck und den Kleinkindern. In Přitočno wurden sie in Notlagern untergebracht. Die Bevölkerung des Ortes nahm sich sehr um diese Flüchtlinge an und versorgte sie, so gut es ging. Die Frauen mussten etliche Tage auf den Feldern arbeiten. Mehrere junge Männer und auch einige Familien versuchten mehrmals, bis nach Prag durchzukommen, aber alle Straßen, die zur Hauptstadt führten, waren von der Polizei abgesperrt. Dennoch gelang es einigen wenigen. Sich über Felder und Buschland durchzuschlagen, zunächst nach Prag und dann bis nach Schweden und England.

            Für die Neudeker Flüchtlinge in Přitočno hieß es jedoch eines Tages, von der tschechischen Gendarmerie mit Nachdruck befohlen, dass sie wieder packen und zum Bahnhof Kladno zurücklaufen sollten. Dort wartete noch der Sonderzug, der mit seinen verzweifelten Insassen in das inzwischen von Hitlers Wehrmacht besetzte Sudetenland zurückfahren musste. Im Bahnhof Karlsbad wurden die ersten Männer aus dem Zug geholt. Die übrigen wurden, ebenso wie die vom tschechischen Militär zurückgekehrten Männer, in Neudek „gefasst“. Einige führende Nazis in dem Textil- und Metallarbeiterstädtchen Neudek, hatten sie an die Gestapo verraten. Sie wurden, nachdem sie befehlsgemäß in der Meldestelle vorgesprochen hatten, sofort festgenommen und unter dem Gejohle einiger Nazis, die am Marktplatz schon darauf gewartet hatten, zum Gericht hinuntergetrieben. Von dort ging es in den meisten Fällen zunächst ins Zuchthaus Zwickau und weiter in das KZ Dachau. Erst im folgenden Frühjahr kehrten die meisten von ihnen nach Neudek zurück, um umgehend zum Arbeitseinsatz ins Reich geschickt oder zur Wehrmacht eingezogen zu werden.