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Gedenkplatte für die 1938 durch die sudetendeutschen Anhänger Konrad Henleins aus dem Grenzgebiet der Tschechoslowakischen Republik vertriebenen Tschechen, Juden und deutschen Antifaschisten

 

Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, in der zweiten Hälfte des Jahres 1938, erlebte die Tschechoslowakische Republik eine sehr dramatische Zeit. Der Großteil der ungefähr drei Millionen Deutschen, die vor allem in den Gebieten an der Grenze zu Deutschland lebten, unterlagen der nationalsozialistischen Propaganda und forderten einen Anschluss dieser Gebiete an das Deutsche Reich. Charakteristisch war für sie zugleich ein starker Antisemitismus. An der Spitze dieser Bemühungen stand die Sudetendeutschen Partei unter der Führung von Konrad Henlein und K. H. Frank. Es entstanden Freiwilligenverbände von Ordnern und später Freikorps, die mehrheitlich von Deutschland aus geleitet wurden und die zur Aufgabe hatten, tschechoslowakische Behörden und Gegner des Nationalsozialismus anzugreifen bzw. im  Grenzgebiet für Unruhe zu sorgen. Die Vertreter der Sudetendeutschen stellten der tschechoslowakischen Regierung immer größere nationale Forderungen, um eine internationale Krise hervorzurufen. Dem stellten sich nicht nur Tschechen und staatliche Organe entgegen, aber auch antifaschistische Deutsche, vor allem Sozialdemokraten und Kommunisten. Sie organisierten Demonstrationen gegen den Nationalsozialismus, agitierten und halfen den Behörden, Ruhe und Ordnung aufrechtzuerhalten. Die deutschen Sozialdemokraten hatten zu diesem Zweck die Republikanische Wehr gegründet, einen Freiwilligenordnungsverband.

Die Situation verschärfte sich nach einer Rede Hitlers am 12. September 1938 auf dem Parteitag der NSDAP in Nürnberg, auf dem er mit einem militärischen Einfall in die Tschechoslowakei drohte. Ein Teil der Deutschen im Grenzgebiet reagierte hierauf unmittelbar danach mit Angriffen auf Tschechen, Juden und deutsche Demokraten. Angehörige dieser Bevölkerungsgruppen wurden überfallen, geschlagen, erniedrigt. Die Fenster ihrer Häuser oder die Auslagen ihrer Geschäfte wurden eingeschlagen. Es kam auch zu bewaffneten Angriffen unter Verwendung von Schusswaffen. Ziel waren vor allem Zollstationen, die Finanzwache, Militärpatrouillen, die Staatswache und deutsche Antifaschisten. Es gab Dutzende Tote und Verletzte. Diese Ereignisse sorgten sofort für eine massenhafte Flucht von Tschechen, Juden und deutschen Antifaschisten, die ins Inland flüchteten. Die tschechoslowakische Regierung verhängte über die am meisten betroffenen Bezirke den Ausnahmezustand und sandte dorthin die Armee, was die Lage beruhigte. Die Verbündeten der Tschechoslowakei – Frankreich und Großbritannien – fürchteten einen neuen Krieg mit Deutschland und bemühten sich, um jeden Preis eine Vereinbarung mit Hitler zu erzielen.

 

Diese Bemühung gipfelte in ein Treffen von Vertretern Deutschlands, Italiens, Frankreichs und Großbritanniens in München, wo die Vertreter Frankreichs und Großbritanniens die Bündnisverpflichtungen gegenüber der Tschechoslowakei unterliefen und das Münchener Abkommen unterschrieben, auf dessen Grundlage die Tschechoslowakei gezwungen wurde, Deutschland seine Grenzgebiete mit 2,7 Millionen Deutschen, 800 000 Tschechen und ungefähr 30 000 Juden abzutreten.

Nach der Verkündung des Münchener Abkommens am 30. September 1938 verloren die sudetendeutschen Freikorps und Ordner jegliche Hemmungen. Die Begeisterung der Mehrheit der deutschen Bewohner über den Anschluss an das Reich wurde an vielen Orten von der Bemühung begleitet, Rechnungen mit Tschechen, Juden und Antifaschisten zu begleichen. Erneut kam es zu Erniedrigungen, Schlägen und zur Zerstörung von Eigentum. Oft wurden Angehörige dieser Gruppen wortwörtlich zur neu festgelegten Grenze getrieben und es wurde ihnen gedroht, um eine Rückkehr zu verhindern. Demokratische Deutsche, die sich zuvor für die Verteidigung der Republik ausgesprochen hatten, wurden oft nach Deutschland verschleppt, wo sie in Gefängnisse oder Konzentrationslager gebracht wurden. Allein nach Dachau wurden in dieser Zeit an die zweieinhalbtausend gebracht. 

 

Nach der offiziellen Statistik flohen 340 000 Tschechen ins Inland (von diesen ungefähr 150 000 Staatsangestellte und ihre Familien), über 25 000 Juden und ungefähr 12 000 Deutsche. Die tatsächlichen Zahlen werden wahrscheinlich deutlich höher ausfallen, da sich nicht alle Flüchtlinge durch Ämter registrieren ließen. Zehntausende Flüchtlinge verließen ihre Häuser sehr schnell nur mit den notwendigsten Dingen, manchmal nur mit leeren Händen. Nach der Ankunft im Inland hatten sie keine Unterkunft, keine Verpflegung und andere grundlegende Dinge. Im Inland wurden sie durch verschiedene gesellschaftliche Organisationen betreut, zum Beispiel durch das Tschechoslowakische Rote Kreuz, den Sokol, Pfadfinder, dem Verband der freiwilligen Schwestern, der Republikanischen Wehr und vielen weiteren. Die Regierung gab schrittweise Finanzmittel frei, es kam zu öffentlichen Sammlungen und viele Mittel kamen auch aus dem Ausland.  

 

Die Gedenkplatte für Tschechen, Juden und deutsche Antifaschisten, die 1938 aus dem Grenzgebiet der Tschechoslowakischen Republik vertrieben wurden, wird (wurde) enthüllt in der Eingangshalle des Masaryk-Bahnhofs in Prag, an dem viele Züge mit Flüchtlingen eintrafen. Die gemeinnützige Organisation Tschechisches Zentrum für Geschichte /  Centrum české historie will so an dieses verhältnismäßig wenig bekannte Kapitel der tschechoslowakischen Geschichte und die dramatischen Schicksale der Menschen erinnern. Die Idee einer Enthüllung der Gedenkplatte wurde koordiniert durch einen Vorbereitungsausschuss, der sich aus tschechischen Historikern, einem Vertreter der Föderation der Jüdischen Gemeinden der Tschechischen Republik und der Seliger Gemeinde, einer Organisation, die in der Tradition der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakei, zusammensetzte. Die Schirmherrschaft über die Enthüllung wurde vom Vorsitzenden des Senats der Tschechischen Republik Milan Štěch übernommen.

Die Gedenkplatte am Masaryk-Bahnhof in Prag soll einen Beitrag dazu leisten, damit die Ereignisse des Jahres 1938 nicht in Vergessenheit geraten. Zugleich soll sie eine Warnung sein, damit sich etwas Vergleichbares nicht wiederhole. Sie soll zudem ohne Rücksicht auf die Nationalität an diejenigen Bewohner der damaligen Tschechoslowakei erinnern, die den Mut hatten, sich dem Nationalsozialismus entgegenzustellen oder die diesem zum Opfer fielen.